Lernfabriken neu denken – Weiterbildungsräume schaffen! : Datum:
Lernfabriken sind der ideale Lernort, um Industrie 4.0, Digitalisierung von Produktion und Lean-Management-Methoden praxisnah und anschaulich zu vermitteln. Das Problem: Für die berufliche Weiterbildung von Fachkräften werden sie bisher kaum genutzt. Das InnoVET PLUS-Projekt Lernfabriken@BeruflicheBildung will das ändern.
Was haben Kindersport in Schulturnhallen und berufliche Weiterbildung in Lernfabriken an beruflichen Schulen gemeinsam?
Antwort: Beide nutzen kommunale Infrastruktur. Der Unterschied: Für Vereinssport auf städtischen Anlagen gibt es etablierte Modelle – für die Weiterbildung in Lernfabriken nicht.
Die Folge: Das Potenzial der Lernfabriken für die Weiterbildung von Fachkräften wird nicht ausgeschöpft. Sie werden als Teil der beruflichen Schule fast ausschließlich für die Ausbildung genutzt.
Dabei sind Lernfabriken der ideale Lernort, um Industrie 4.0, Digitalisierung von Produktion und Lean-Management-Methoden praxisnah und anschaulich zu vermitteln. Sie bilden echte Wertschöpfungsketten ab und Lernende arbeiten an realen Anlagen. Besonders Baden-Württemberg verfügt über eine erstklassige Infrastruktur mit Lernfabriken an insgesamt 47 beruflichen Schulen.
„Kümmerer“ soll wertvolle Ressourcen nutzbar machen
Dr. Stefan Baron (AgenturQ) und Prof. Lars Windelband (Technische Universität Hamburg) wollen das gemeinsam im Verbund mit vier weiteren Projektpartnern mit dem InnoVET PLUS-Projekt Lernfabriken@BeruflicheBildung ändern. „Unser Ziel ist es, die Lernfabriken als wertvolle Ressource für die Weiterbildung nutzbar zu machen und so neue Lernräume zu schaffen“, sagt Lars Windelband.
Im Zentrum des Projekts steht die Entwicklung und Erprobung sogenannter Betreibermodelle, mit denen Weiterbildung an Lernfabriken funktionieren kann. Was ein Betreibermodell ist, dafür gibt Stefan Baron ein Beispiel: So wie Sportvereine städtische Turnhallen für ihre Angebote nutzen, sollte es auch für Lernfabriken in kommunaler Trägerschaft möglich sein. Und so wie ein Sportverein Trainer engagiert, Kurse organisiert und bewirbt und Teilnahmegebühren erhebt, sollte es auch für die Weiterbildung laufen.
Was es braucht ist: ein „Kümmerer“, der die Dinge auf professionellem Niveau in die Hand nimmt und die Weiterbildung organisiert und umsetzt. Denn daran mangelt es bislang, neben rechtlichen Hürden. Dies könnten verschiedenste Akteure sein, die an beruflicher Weiterbildung beteiligt sind: eine Kammer, ein Unternehmen, ein Lehrmittelhersteller, der Förderverein der Schule oder doch die Schule selbst. Innovation ist manchmal auch: Bestehendes neu denken.
Erprobte Modelle und Handlungsempfehlungen
„Wir testen unterschiedliche Varianten aus, wie wir die Lernfabrik nutzen können“, sagt Lars Windelband. „Wir wollen Orientierung für die Partner der Berufsbildung bieten und zeigen, was möglich ist“, sagt Stefan Baron. Darüber soll auch die Kooperation der Lernorte gestärkt werden.
Am Ende sollen erprobte Konzepte und Handlungsempfehlungen stehen, unter welchen Bedingungen Weiterbildung an Lernfabriken funktioniert. Dies können auch politische Forderungen sein, wenn Rahmenbedingungen geändert werden müssen. Ein Vorteil des Projekts ist dabei, dass das Wirtschafts- und das Kulturministerium des Landes von Anfang an eingebunden sind.
Aktuelle Lerninhalte anbieten, Bildungspersonal qualifizieren
Um erfolgreich Weiterbildung an Lernfabriken anbieten zu können, braucht es aber noch mehr als erprobte Betreibermodelle: Nämlich aktuelle, relevante Weiterbildungsinhalte und qualifiziertes Personal.
Das IHK-Zentrum für Weiterbildung Heilbronn und die Nachwuchsstiftung Maschinenbau entwickeln daher konkrete Bildungsangebote, die an den Lernfabriken stattfinden können. Um verschiedene Zielgruppen und Vorkenntnisse abzudecken, gibt es Qualifizierungen auf drei verschiedenen Niveaus: Überblickswissen, vertieftes Fachwissen und Expertenwissen. Beispiele für geplante Lernangebote sind:
- Überblickswissen zu Künstlicher Intelligenz
- Einsatz von KI in Produktionsprozessen
- Produktionsprozesse optimieren nach dem Lean-Gedanken
- Produktionsschritte mit digitalem Zwilling simulieren
- Speicherprogrammierbare Steuerung (SPS)
Einen ersten Zertifikatskurs zum Thema SPS und Grundlagen der Automatisierungstechnik auf der Stufe Fachwissen konnte das IHK-Zentrum für Weiterbildung Heilbronn mit der Gewerblichen Schule Crailsheim Ende 2025 erfolgreich erproben. Ein Angebot zu SPS auf der höheren Expertenstufe startet ab März. Im Frühjahr startet zudem ein Kurs zu Überblickswissen „KI in der Produktion“, koordiniert von der Nachwuchsstiftung Maschinenbau.
Um Bildungspersonal fit für die Arbeit an Lernfabriken zu machen, entwickelt und erproben die Projektpartner ein Hochschulzertifikat im Umfang von 20 ECTS. Es vermittelt die rechtlichen, inhaltlichen und didaktischen Grundlagen zur Organisation von Weiterbildung in Lernfabriken. Je nach Vorkenntnissen und angestrebter Rolle können die Teilnehmenden eigene Schwerpunkt setzen. Der Kurs soll deutschlandweit von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau als Online-Format mit abschließendem Praxis-Projekt angeboten werden.
Transfer und Mehrwert
Wenn die Maßnahmen des Projekts funktionieren, bieten sie für Unternehmen und Berufsbildung zahlreiche Vorteile:
So können die aktuellen Herausforderungen der Arbeitswelt wie Künstliche Intelligenz und vernetzte Produktion realitätsnah in der Weiterbildung abgebildet werden. Mit der Nutzung bestehender Bildungsinfrastruktur würden Ressourcen optimal genutzt und neue Lernräume für die Weiterbildung geschaffen. Insbesondere Fachkräfte aus kleinen und mittleren Unternehmen im ländlichen Raum könnten bedarfsgerecht und wohnortnah qualifiziert und die Weiterbildungsbeteiligung erhöht werden.
Die Wirkung soll aber nicht auf Baden-Württemberg beschränkt bleiben: Mit Kooperationspartnern in der Metropolregion Rhein-Neckar, in der Region Osnabrück und in Nürnberg werden die Erkenntnisse zu Betreibermodellen diskutiert und Lösungen entwickelt, wie sie auf andere Bundesländer übertragen werden können.
Autor: Benjamin Dresen
Das Projekt
Ziele
► Alternative Praxis-Modelle für Lernfabriken mit konkreten Weiterbildungsangeboten zur digitalen Transformation, Nachhaltigkeit in der Produktion und Berufsorientierung
► Verknüpfung mit bestehenden Weiterbildungsplattformen und Netzwerke zum Transfer der Angebote
► Hochschulzertifikat „Lernfabriken für die berufliche Bildung“ entwickeln, aufbauen und testen
Verbundkoordination
Karlsruher Institut für Technologie
Dr. Martin Schwarz
Kaiserstr. 12
76131 Karlsruhe
Telefon: 0721 608 432 68
E-Mail: Martin.Schwarz@kit.edu
Website: lernfabriken-bb.de
LinkedIn: Lernfabriken@BeruflicheBildung
Verbundpartner
• AgenturQ
• DISC der Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau
• IHK-Zentrum für Weiterbildung GmbH Heilbronn
• Karlsruher Institut für Technologie KIT
• Nachwuchsstiftung Maschinenbau gGmbH
• Technische Universität Hamburg