Spielerisch nachhaltig: Serious Game für die Logistik-Ausbildung : Datum:
Nachhaltige Entscheidungen sind wichtig für den Unternehmenserfolg, aber sehr komplex. Das InnoVET PLUS-Projekt NaTuL macht Azubis der Transport- und Logistikbranche fit für die Balance von Wirtschaftlichkeit, Umweltschutz und Sozialverträglichkeit – mit einem Computerspiel plus Begleitseminar.
Ein täglicher Balanceakt
Sollen wir elektrisch betriebene LKW kaufen, obwohl unsere bestehende Flotte noch einsatzfähig ist? Sollen wir unsere Transportrouten so planen, dass unsere Fahrer genug Zeit für die Lieferung und Zugang zu sanitären Anlagen haben? Sollen wir in eine Solaranlage für die Lagerhalle investieren oder doch in eine Dachbegrünung? Solche Entscheidungen gehören zum Alltag in der Transport- und Logistikbranche – und sie sind selten eindeutig.
Nachhaltiges Handeln heißt, soziale, ökonomische und ökologische Aspekte in Einklang zu bringen. Was wirtschaftlich sinnvoll ist, muss nicht sozial oder ökologisch die beste Lösung sein – und umgekehrt.
Spielerisch nachhaltig entscheiden
Damit Fachkräfte von morgen diese Abwägungen besser meistern, entwickelt das InnoVET PLUS-Projekt „NaTuL“ (Nachhaltigkeit in der Transport- und Logistikbranche) ein innovatives Lernformat: einen 90-stündigen IHK-Zertifikatskurs, der ein Computerspiel (Serious Game) mit einem Begleitseminar kombiniert. „Wir möchten Auszubildende in realistische berufliche Entscheidungssituationen bringen, in denen sie möglichst nachhaltig handeln können“, sagt Alina Hank von der Universität Oldenburg.
So funktioniert das Serious Game
Die Teilnehmenden steuern im Spiel die Transport- und Logistikabteilung eines Handelsunternehmens. Neben einem freien Spiel-Modus zur Tourenplanung warten sechs knifflige Szenario-Missionen, in denen sie nachhaltige Entscheidungen treffen müssen – und deren Auswirkungen direkt im Spiel sichtbar sind. Dabei geht es um operative Entscheidungen auf Fachkraft-Ebene wie auch um strategische Entscheidungen auf Führungsebene. Neben der Wissensvermittlung geht es darum, Handlungskompetenz, Selbstständigkeit und Problemlösefähigkeit der Azubis zu fördern.
Schwerpunkte sind unter anderem:
- Arbeitsbedingungen in der Transportlogistik
- Nachhaltige Lagerwirtschaft
- Transparenz und Resilienz in Lieferketten
- Berichterstattung zur Nachhaltigkeit
- Zukunftsvision „Transportlogistik 2050“
Lernen mit Spiel und Seminar
Das Spiel wird ergänzt durch ein Präsenz-Begleitseminar, in dem die inhaltlichen Grundlagen vermittelt und die Szenarien vor- und nachbesprochen werden: Was hat besonders gut funktioniert? Welche Aspekte müssen beim nächsten Thema berücksichtigt werden?
Das Serious Game spielen die Azubis in ihrer Freizeit, daher wird es zunächst für Tablet oder Smartphone entwickelt. Eine KI passt den Schwierigkeitsgrad an, damit Einsteiger und erfahrene Gamer gleichermaßen gefordert werden. Aktuell sind der Freispiel-Modus und das erste Szenario im Aufbau.
Das Angebot richtet sich an Auszubildende in Berufen wie Kaufleute für Spedition- und Logistikdienstleistungen, Groß- und Außenhandelsmanagement, Industriekaufleute, Fachlagerist/-in und Fachkräfte für Lagerlogistik.
Spaß und Lernziel im Gleichgewicht
Wie wird aus Lernstoff ein fesselndes Spiel? Stefan Hoffmann von der Firma Serious Games Solutions erklärt: „Aus trockenen Lerninhalten coole Spielinhalte zu machen, das ist unsere Aufgabe.“ Gemeinsam mit der Universität Oldenburg entwickelt sein Team Ideen, wie Inhalte in spannende Missionen übersetzt werden können. Nach jeder Testrunde wird das Szenario überarbeitet – bis Spielspaß und Lernziel perfekt zusammenpassen. Dr. Eva Unruh von der Universität Oldenburg, selbst gelernte Speditions- und Logistikkauffrau, unterstützt bei der Gestaltung der Lerninhalte und sorgt für den Praxis-Check.
Praxistest und Zukunftsperspektiven
Das komplette Angebot aus Spiel plus Seminar wird von der Universität Oldenburg 2027 mit mindestens 15 Auszubildenden erprobt. Ein Prüfungsausschuss, u. a. mit Vertretern der Oldenburgischen IHK, bewertet am Ende die Leistungen im Seminar sowie die Transferaufgaben im Ausbildungsbetrieb und verleiht die offiziellen Zertifikate. Das Interesse der Betriebe ist schon jetzt groß – nicht zuletzt, weil sie damit ihre Attraktivität als Ausbildungsbetrieb steigern können.
Damit das Angebot breit in der Praxis eingesetzt werden kann, entwickelt das Projektteam im kommenden Jahr ein Transferkonzept. Der Zertifikatskurs für Auszubildende könnte beispielsweise beim universitären Weiterbildungsanbieter C3L - Center für lebenslanges Lernen oder von der Oldenburgischen IHK dauerhaft angeboten werden. Denkbar ist ebenfalls der Einsatz in der beruflichen Weiterbildung und im Rahmen des BWL-Studiums an der Universität. Darüber hinaus läuft bereits jetzt die Bewerbung in der norddeutschen Transport- und Logistikbranche für einen umfassenden Roll-out.