Mehr Durchblick mit XR: Azubis lernen bald immersiv : Datum:
Ein neues Extended-Reality-Tool hebt die Berufsbildung der Automobilindustrie aufs nächste Level: Azubis und Fachkräften bietet es wertvolle Einblicke, die den Lernerfolg verbessern. Und Lehrkräfte erstellen die virtuellen Inhalte dafür selbst – quasi per Knopfdruck.
„Ich durchblick das nicht!“ Dieser Satz könnte für Mechatronik-Azubis bald der Vergangenheit angehören, wenn es um das Verständnis technischer Bauteile wie Motoren geht. Wo die Vorstellungskraft an Grenzen kommt, ermöglicht Extended Reality (XR) Einblicke in verborgene Bereiche: Virtuell kann komplexe Technik komplett zerlegt werden. Und wo die Angst vor einem Fehler verunsichert, erlaubt XR gefahrloses Ausprobieren. Das schafft ein besseres Verständnis und steigert den Lernerfolg.
„XR wird einige anders catchen als das Fachbuch!“
Das InnoVET PLUS-Projekt XR-Upskill will diese Lernchancen für Auszubildende in der Automobilindustrie ermöglichen. Damit übernimmt es eine Vorreiterrolle, denn XR-Inhalte kommen in der Ausbildung in Deutschland bisher kaum zum Einsatz.
„Wir glauben, dass XR einige anders catchen wird als das Fachbuch! Wenn junge Menschen hier Dinge erproben und erleben, spricht das andere Sinne an. Man taucht komplett ein in eine andere Welt“, sagt Robert Koehler.
Schlüsselthema E-Mobility im Fokus
Koehler leitet bei Bosch im schwäbischen Schwieberdingen als Verbundkoordinator das Projekt. Mit seinem Team entwickelt er zwei XR-Trainings zum für die Autoindustrie zukunftsentscheidenden Thema Elektromobilität: Eines zum Einstieg in die E- Mobility allgemein und eines zur komplexen Freischaltung von Hochvoltfahrzeugen. Die Lernszenarien können in der Mechatroniker-Ausbildung im Präsenzunterricht, im virtuellen Unterrichtsraum oder zum Selbstlernen eingesetzt werden. Auch zur Weiterbildung von Fachkräften sollen sie zum Einsatz kommen. Je nach Lernziel und Thema wählt das Projektteam die am besten geeignete Dimension von Extended Reality (siehe Box).
Lernen flexibler – Ausbildung attraktiver
Die wichtigsten Vorteile des innovativen Ansatzes: Er macht praxisnahes Lernen standortunabhängig möglich – egal wo ein Auszubildender sich befindet oder ob ein Übungsobjekt real verfügbar ist. XR-Szenarien ermöglichen außerdem individuelles Training nach eigenem Ermessen und Tempo. Sie schaffen Einblicke in komplexe Technik und ermöglichen, motorische Abläufe zu üben und sich auf Stresssituationen vorzubereiten. Sie können visuelle Lerntypen besser abholen, die von einem Lehrbuch nicht so angesprochen würden. Aktuelle Trends aus Forschung und Entwicklung können mit XR zielgruppengerecht in die Ausbildung transferiert werden. Und – ganz unabhängig vom größeren Lernerfolg: XR-Einheiten machen die Ausbildung für junge Leute attraktiver!
XR-Inhalte „per Knopfdruck“ selbst erstellen
Das Projektteam will aber nicht nur die zwei erwähnten Lernszenarien zur E-Mobility schaffen – die sollen nur der Anfang sein. Lehrpersonen in Betrieben, Berufs- und Hochschulen sollen selbst XR-Elemente und komplette Schulungen erstellen können. „Es soll so einfach anzuwenden sein wie Powerpoint – das ist unser Ziel“, sagt XR-Experte Vitor Macedo vom Virtual Dimension Center (VDC). Dazu arbeitet das Projektteam mit Softwareanbietern im Bereich Lehre zusammen. Deren Tools sollen Trainern durch eine vereinfachte Benutzeroberfläche die Erstellung von Inhalten ermöglichen. Auch die Nutzung von KI für die Erstellung von 3D-Modellen wird geprüft.
Aktuell entsteht ein „Train-the-Trainer-Konzept“, um das Lehrpersonal dafür fit zu machen. „Es soll ein Grundverständnis von XR vermitteln und wie sie didaktisch sinnvoll in Lernsituationen eingesetzt werden kann. Im Fokus steht außerdem, wie 3D-Modelle erstellt, angepasst oder beschafft werden können“, erklärt David Kunz vom Lehrstuhl für Fertigungsautomatisierung und Produktionssystematik an der Universität Erlangen-Nürnberg (FAPS). Am Ende soll das Lehrpersonal damit XR-Inhalte selbst erstellen und als Multiplikator Wissen an andere weitergeben können.
Das Konzept wird aktuell mit den Bosch-Trainern am Standort Schwieberdingen validiert und anschließend ab Ende des Jahres mit weiteren Bosch-Lehrkräften erprobt. Für eine erfolgreiche Einführung werden die relevanten Inhalte zum Thema auch für die IT- oder Geräteadministration aufbereitet.
Nachahmung erwünscht – Rollout in Arbeit
Der Rollout des Konzepts innerhalb der Bosch-Gruppe wird bereits vorbereitet. Die Unternehmensgruppe bildet aktuell an über 30 Standorten in Deutschland rund 4000 Azubis inklusive dual und kooperativ Studierenden aus.
Ab dem zweiten Quartal 2026 beginnt dann der Transfer an externe Berufsschulen, Hochschulen und Universitäten. Aber auch für KMU in anderen Branchen und Regionen bieten XR-Technologien ein großes Potenzial, den Anteil an Auszubildenden und Fachkräften in komplexen Arbeitsumgebungen zu erhöhen: „Wir wollen andere Akteure überzeugen, das Tool ebenfalls zu nutzen und eigene Lernszenarien zu integrieren“, kündigt Vitor Macedo an.
Autor: Benjamin Dresen